Der Ökumenische Pilgerweg führt auf 470 Kilometern quer durch Ostdeutschland, von Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze bis nach Vacha. Begleiter auf dem Weg ist der Gedanke von Brücken zwischen den christlichen Religionen, der durch die Pilger weitergetragen werden soll. Der Historiker Thomas Barth nimmt uns mit auf seinen Weg.

Pilgern – spätestens seit dem Bestseller „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling weiß fast jeder Deutsche damit etwas anzufangen. Meist fallen den Menschen sofort Geschichten über den Camino Frances in Spanien ein: die glühend heiße spanische Meseta, der Wein spendende Brunnen am Kloster von Irache und als großes Pilgerziel die Kathedrale von Santiago de Compostela.

Über mehrere Jahre hinweg entwickelte sich in mir der Wunsch, selbst einmal eine Pilgerreise zu unternehmen. Das Buch von Hape Kerkeling hatte ich natürlich gelesen und war von seiner humorvollen und gleichzeitig nachdenklichen Art sehr angetan. Doch die Menschenmassen in den großen spanischen Herbergen, die Sprachbarriere und die lange Anfahrt bis zum Fuß der Pyrenäen ließen mich zweifeln, ob das für einen blutigen Anfänger wie mich die richtige Einstiegstour sei. So suchte ich eine nahe liegende Möglichkeit zum Pilgern – und war erstaunt, wie nah sie tatsächlich lag. Denn über den Höhenzug „Liebschützberg“ bei Oschatz führt seit 2003 der „Ökumenische Pilgerweg“ – nur wenige Kilometer von meinem Wohnort entfernt. Oft schon hatte ich dort oben mit dem Fotoapparat gestanden, fasziniert von einer alten Windmühle und dem weiten Blick in alle vier Himmelsrichtungen. Ich erinnerte mich daran, dass ich einige Jahre zuvor einen Zeitungsartikel über eine Pilgergruppe bebildert hatte. So entschied ich mich für das „Pilgern vor der Haustür“, statt die weite Reise nach Spanien anzutreten. Ich sollte es nicht bereuen.

Der Ökumenische Pilgerweg beginnt im ostsächsischen Görlitz. In Sachsen folgt er weitgehend der alten Handelsstraße „Via Regia“ in Richtung Leipzig, führt dann über Merseburg und die Domstadt Naumburg in Sachsen-Anhalt hinein ins Thüringische und dort weiter über Erfurt und Eisenach bis an die ehemalige innerdeutsche Grenze zum kleinen Städtchen Vacha in der Rhön. 470 Kilometer quer durch Ostdeutschland – ich war mir nicht ganz sicher, ob ich das am Stück schaffen würde, denn bis dahin zählte ich nicht gerade zu den geübten Wanderern. Andererseits schien mir die Strecke für eine kleine drei- bis vierwöchige Mutprobe gut geeignet, denn wenn die Sache schief ging, konnte ich nach 150 Kilometern in der Heimat jederzeit abbrechen, und niemand musste etwas davon erfahren.

Der richtige Zeitpunkt für eine kleine Mutprobe

Mit der Bahn fuhr ich also zum Startpunkt Görlitz. Um die Pilgerreise ruhig anzugehen und nicht gleich in Wanderstress zu verfallen, nahm ich mir einen Tag Zeit für eine Stadtbesichtigung. Neben vielen schönen Renaissance-Gebäuden gibt es in Görlitz mit dem „Heiligen Grab“ ein kunsthistorisch bedeutendes Pilgerzeugnis zu entdecken. Dabei handelt es sich um eine verkleinerte, sehr genaue Kopie des Jerusalemer Originalgrabs aus dem hohen Mittelalter. So konnten sich die Görlitzer Bürger einen Eindruck davon verschaffen, welches Bild den spätmittelalterlichen Kreuzfahrern vor Augen gestanden hatte. Einer aus ihren Reihen, der Görlitzer Bürger Georg Emmerich, hatte der Legende nach im Jahre 1465 selbst eine Pilgerreise nach Jerusalem unternommen, um sich von seinen Sünden rein zu waschen. Später wurde er Bürgermeister und unterstützte den Nachbau des Heiligen Grabes in Görlitz, das 1504 vollendet wurde.

Nicht wer viel hat, ist reich, sondern wer wenig braucht

Von Görlitz aus führt der Ökumenische Pilgerweg durch die Oberlausitz, eine durch katholische und sorbische Traditionen geprägte, hügelige Landschaft im Osten Sachsens. Besonders auffällig sind die schönen Wegkreuze und Stelen, die in Ostdeutschland sonst selten zu finden sind. Bis auf wenige Abschnitte gibt es in der Oberlausitz kaum anstrengende Steigungen, dafür aber schöne Wege durch reizvolle Waldgründe und an Bachläufen entlang. Die ersten drei bis vier Tage werden so zu einem angenehmen Einstieg ins Pilgerleben. Auch die Infrastruktur ist hier – wie eigentlich auf dem gesamten Ökumenischen Pilgerweg – sehr gut ausgebaut. Neben vielen kirchlichen Herbergen gibt es zahlreiche Privatpersonen, die Pilger aufnehmen und sich sehr herzlich um sie kümmern. Einkaufsmöglichkeiten sind genügend vorhanden. Ein schön gestalteter Pilgerführer bringt einem die landschaftlichen Besonderheiten nahe und enthält wertvolle Tipps, die über das reine Übernachtungsangebot hinausgehen.

Hat man die Oberlausitz durchquert, führt der Ökumenische Pilgerweg über einige Kleinstädte in Richtung Leipzig. In den kleineren Orten kann man als Pilger viel Interessantes über sächsische Kunst- und Kulturgeschichte erfahren. Zum Beispiel steht in Kamenz, der Geburtsstadt Gotthold Ephraim Lessings (1729-1781), ein Museum, das über die frühen Lebensjahre des Dichters informiert. In dem Städtchen Königsbrück übernachtete ich als Pilger in einem ehemaligen Armenhaus, in dem es keine Wasser- und Stromversorgung gibt. Man schläft in einem Kastenbett auf einem Strohsack. In der schlichten Stube steht eine Lebensweisheit an den Balken geschrieben, die man als Pilger intensiv am eigenen Leib erlebt: „Nicht wer viel hat, ist reich, sondern wer wenig braucht“. Eine erholsame Pilgerrast in der Gegend zwischen Strehla und Dahlen ist der liebevoll gepflegte Park in Lampertswalde, das unweit von meinem Wohnort liegt.

Überhaupt war es eine schöne Bereicherung für mich, die eigene Heimat als Pilger zu durchwandern, denn durch die langsame Art der Fortbewegung habe ich vieles mit neuen Augen gesehen, das mir sonst vertraut erschien – sogar den vertrauten Liebschützberg, den ich zuvor so oft fotografiert hatte.

Einige Kilometer nach diesem langgestreckten Höhenzug gelangt man in die Geburtsstadt eines anderen sächsischen Dichters, nach Wurzen. Joachim Ringelnatz  (1883-1934) verlebte hier seine Kindheit und wurde später bekannt durch seinen eigenwilligen Humor. Zeugnisse seiner literarischen Kunst gibt es in der Wurzener Innenstadt in Form von zahlreichen Stelen zu entdecken, auf denen seine Gedichte zu lesen sind. Eine Tagesreise weiter ist man schon in Leipzig angelangt. Hier lohnt sich natürlich unter anderem ein Besuch der Thomaskirche. Sie war dieWirkungsstätte von Johann Sebastian Bach (1685-1750), der 27 Jahre lang den Thomanerchor
leitete und im Chorraum begraben liegt. Wenn man etwas über die politische Wende von 1989/90 erfahren möchte, kann man sich in Leipzig ebenfalls innerhalb von wenigen Stunden kundig machen. Die Nikolaikirche und das Zeitgeschichtliche Forum bieten Gelegenheit dazu.

Allerdings verdeutlichte mir die Zwischenstation Leipzig auch, wie sehr unsere Welt durch Industrie, Handel und Verkehr bestimmt ist. Da ich vorher tagelang draußen in
der Natur unterwegs gewesen war, bereitete mir das Tempo der Großstadt, das ich nicht mehr gewöhnt war, enormen Stress. Gemächlicher geht es bei Freyburg an der Unstrut zu, einem der kleinsten – und meiner Ansicht nach schönsten – Weinanbaugebiete Deutschlands, das man einige Tage nach Leipzig erreicht. Im Naumburger Dom kommen die Freunde mittelalterlicher Baukunst auf ihre Kosten. Neben diesen eher touristisch geprägten Orten gibt es auf dem Ökumenischen Pilgerweg noch eine ganze Menge Ortschaften, die sehr sehenswert sind. In der Nähe des Geiseltalsees, der in einem ehemaligen Braunkohle-Tagebaugebiet nicht weit von Merseburg entstanden ist, liegt zum Beispiel ein Kleinod, das sich Pilgerfreunde nicht entgehen lassen sollten. Am Rathaus der Kleinstadt Mücheln findet man an der alten Fassade kunstvolle Reliefdarstellungen des Heiligen Jakobus, der auch das Stadtwappen ziert.

Mit der Wanderung durch Thüringen erreicht die Pilgerreise auf dem Ökumenischen Pilgerweg nicht nur vom Höhenprofil her einen Höhepunkt. Wenn man bei Eisenach die Hörselberge überquert, bieten sich herrliche Ausblicke in die Landschaft. Wer sich geschichtlich weiterbilden will, kann in Eisenach das Geburtshaus von Johann Sebastian Bach, das Lutherhaus oder die Wartburg besuchen. Am Ziel des Ökumenischen Pilgerwegs wartet mit Vacha ein eher beschauliches Städtchen auf den Pilger. Neben dem kunstvollen Fachwerk-Rathaus liegt eine kleine Buchhandlung, in der man sich als Belohnung eine Urkunde abholen kann, sofern man den Weg von Görlitz aus vollständig geschafft hat. „Ankunft und Übergang“ steht auf ihr, und deutet darauf hin, dass ein gutes Stück schon zurückgelegt ist, das eigentliche Pilgerziel Santiago de Compostela in Spanien aber noch wartet.
Thomas Barth

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